Ist “Corporate Social Responsibility” eine Geheimsache?

2016-09-01

Was würde ich tun, wenn ich noch einmal neu anfangen könnte?

Nehmen wir einmal an, ich wäre RWE und würde nocheinmal als Innogy neu anfangen (ohne alte Verpflichtungen zu vergessen). Dann würde ich mein CSR-Management (CSR = Corporate Social Responsibility) ehrlich beschreiben und von EcoVadis überprüfen lassen, der Firma mit dem Haken im Namen. Das machen schon so viele Zulieferer (mehr oder weniger ehrlich), dass zum Beispiel in Deutschland eine neue Firma entstand, die dabei hilft, EcoVadis präsentable Selbstdarstellungen zu liefern. Insoweit ist ein von EcoVadis überprüfter CSR-Bericht also nichts besonderes mehr.

 RWE ist ja auch schon dabei. Im Konzern-CR-Bericht 2015 (S. 73) von RWE weist Jochen Lederer (Senior Procurement Manager bei der Wacker Chemie AG) auf ein gutes Abschneiden seines Lieferanten RWE bei EcoVadis hin.

 Ein noch nicht so gewöhnlicher Beitrag zu einem guten Neuanfang wäre es nun, wenn Innogy seine EcoVadis Premium Reports zumindest den eigenen Mitarbeitern zur Verfügung stellt. Mit ihrem Insiderwissen können die Mitarbeiter dann beurteilen, wie ehrlich ihre Arbeitgeberin das CSR-Management des Unternehmens beschrieben und dokumentiert hat. Und die Krönung der Transparenz wäre es, wenn Innogy den Bericht im Internet veröffentlicht. Es gibt schon einige Unternehmen, die das tun.

Was macht EcoVadis?

 Heutzutage will fast jede Firma zeigen, wie “nachhaltig” sie arbeitet. Natürlich gibt es Dienstleister, die dabei mit allerlei Zertifikaten helfen wollen. “Reputation management” ist ein großes Geschäft geworden.

 So sind beispielsweise bei dem Rating-Anbieter EcoVadis über 24000 Zulieferer (Handelsfirmen, produzierendes Gewerbe, Dienstleister usw.) registriert, von denen ein Teil Berichte über die “Corporate Social Responsibility” (CSR) an EcoVadis schickt. Darin beschreiben die Zulieferer auch mehr oder weniger ehrlich, wie sie mit ihren Mitarbeitern umgehen.

 In etwa fünf Seiten zum Kapitel “LABOR PRACTICES & HUMAN RIGHTS (LAB)” geht es um “POLICIES”, “ACTIONS” und “RESULTS”. Es gibt in diesem Kapitel des EcoVadis Premium Reports auch Feststellungen zum Stand der Umsetzung von Schutzbestimmungen. Da Betriebsräte (in Betrieben, wo es solche Arbeitnehmervertretungen gibt) gesetzlich verpflichtet sind, die Einhaltung von Schutzbestimmungen zu überwachen, müssen sie gegebenenfalls mit rechtlichen Mitteln gegen eine Weigerung der Arbeitgeberin vorgehen, den Report dem Betriebsrat zu zeigen. Es könnte ja auch über Maßnahmen im Arbeits- und Gesundheitsschutz berichtet worden sein, von denen der Betriebsrat gar nichts weiß.

 Nachdem ein Zulieferer die Präsentation seines CSR-Managements mit beigefügten Dokumenten über eine Website von EcoVadis zur Überprüfung übergeben hat, macht EcoVadis anschließend eine Art Dokumenten-Audit bzw. Fern-Audit und kann danach einen wirklich sehr gut strukturierten und detaillierten “Premium Report” an den von EcoVadis ferngeprüften Zulieferer schicken. Dieser Zulieferer kann beim Erreichen einer genügend hohen Punktzahl von EcoVadis auch mit “Silber” oder “Gold” ausgezeichnet werden. Den “Premium Report” kann der Zulieferer seinen Kunden schicken. Die haben dann ein gutes Gewissen, weil ihr Zulieferer verantwortungsvoll und “nachhaltig” arbeitet.

 Nun kommen wir zu einer Schwäche der EcoVadis Methodik: Einige mit “Gold” ausgezeichnete Zulieferer zeigen den “Premium Report” zwar ihren Kunden, aber weigern sich, ihn auch den eigenen Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen. Das kann ein Hinweis sein, dass diese Zulieferer befürchten, dass die Mitarbeiter mit ihrem Insider-Wissen unwahre Angaben im Premium Bericht entdecken könnten, der ja vorwiegend auf Angaben der Arbeitgeberin beruht. Schummeln ist also möglich, und es gibt tatsächlich mit EcoVadis ausgezeichnete Zulieferer, die Angst vor kritischen Mitarbeitern haben.

 Was kann man da ohne Verbesserungen auf der Seite von EcoVadis machen? Schummeleien sind ja auch unfair gegenüber ehrlichen Zulieferern, die nur “Silber” bekommen haben, obwohl bei hübscher frisierten Aussagen gegenüber EcoVadis vielleicht “Gold” hätte eingesammelt werden können. Ganz einfach: Anstatt Heimlichtuerei anzuprangern, muss Offenheit und Transparenz besonders anerkannt werden, denn es gibt auch Unternehmen, die keine Angst davor haben, ihren Mitarbeitern zu zeigen, was sie EcoVadis präsentiert hatten. Für die Transparenz, die diese auch gegenüber ihren Mitarbeitern anständigen Unternehmen an den Tag legen, bekommen sie natürlich “Platin”. Mit der Offenlegung ihres Berichts gegenüber den eigenen Mitarbeitern (oder sogar im Internet) heben sich diese Zuliefer-Unternehmen deutlich von ihren heimlichtuerischen Mitbewerbern ab. Dann kann ein mit “Silber” ausgezeichnetes Unternehmen sogar besser dastehen, als ein “Gold”-Gewinner, der glaubt, seinen Bericht verstecken zu müssen.

 Mehr dazu gibt es auf Englisch.

 PS: Vielleicht gibt es bei Innogy auch bei der Umsetzung von OHSAS 18001 (ein Standard für Arbeitsschutz-Managementsysteme) Gelegenheit zu einem Neuanfang.


Innogy ist gebunden und kann nicht
Das ist hart. Nun will ein Unternehmen einen Neustart versuchen, aber auch dort lauert wieder die unheimliche Macht, die den in Unternehmen beschäftigten Menschen gnadenlos die Hände bindet. Und trotzdem schaffen sie es, dabei noch Spaß zu haben.

2016-09-15

Unser Neustart!

Hallo Herr Kluge,

vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Unternehmen und unserer Neugestaltung der innogy SE.

Natürlich starten wir neu! Trotzdem sind wir an vorhandene Abläufe und Systeme gebunden. Reportingdetails sowie Systemlandschaften der innogy können wir auch nicht bestätigen oder auch nur kommentieren. Bitte haben Sie somit Verständnis, dass genauere Details auf Ihre Anfrage unsererseits nicht zu geben sind. Vielen Dank.

Ich kann Ihnen jedoch versichern: Die innogy SE steht für ein zukunfts- und mitarbeiterorientiertes Unternehmen! Mir persönlich macht es sehr viel Spaß ein Teil dessen zu sein zu können und den Energiewandel mit vorantreiben zu können.

Freundliche Grüße
Ihr Josef K.   [Name wurde in PlatinumCSR.org geändert]

innogy SE
Kundenservice
Postfach 1769, 50307 Brühl
Telefon: 0800 9944009 kostenfrei
(Mo – Fr 7 – 20 Uhr, Sa 8 – 16 Uhr)
Dr. Hans Bünting, Dr. Bernhard Günther,
Online-Service: Meine innogy

Vorsitzender des Aufsichtsrates: Dr. Werner Brandt
Vorstand: Peter Terium (Vorsitzender),
Dr. Hans Bünting, Dr. Bernhard Günther,
Martin Herrmann, Hildegard Müller, Uwe Tigges

Sitz der Gesellschaft: Essen
Eingetragen beim Amtsgericht Essen
Handelsregister-Nr. HRB 27091

2016-09-16

Sehr geehrter Herr Josef K.,

ich versichere Ihnen mein Mitgefühl. Mir wird klar, dass auf Sie eine höhere Macht wirkt, die Sie an vorhandene Abläufe und Systeme bindet. Diese Naturgewalt sorgt unbarmherzig dafür, dass sie Reportingdetails sowie Systemlandschaften nicht bestätigen oder auch nur kommentieren können. Genauere Details auf meine Anfrage sind ihrerseits nicht zu geben, obwohl sie das tief in ihrem Herzen gerne täten.

Aber doch noch eine kleine Frage (keine Sorge, ich brauche keine Darstellung der ganzen “Systemlandschaft”): Wenn Innogy einen EcoVadis Premium Report erhalten wird, werden die Mitarbeiter ihn dann lesen können? Konnten früher RWE Mitarbeiter den EcoVadis Premium Report lesen, den RWE erhalten hatte?

Lassen Sie sich von den so unbarmherzig auf Innogy wirkenden höheren Gewalten nicht klein kriegen, auch wenn Sie nun gebunden sind. Halten Sie durch! Dass Sie trotzdem Spaß haben, zeigt ja, wie tapfer sie sind.

Mit besten Grüßen,
Götz Kluge
http://restart-project.org#InnogyAntwortet

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